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Hintergrundgedanken

Hier findest Du Hintergründiges rund um die Winterwerft.

Was die Macherinnen und Macher bewegt hat, ein solches Festival in die Welt zu setzen.

 

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Die Gangart wechseln.

Als sich vor langer Zeit der erste menschenaffenähnliche in der afrikanischen Savanne aufrichtete und sich Stück für Stück dem schützenden Schatten der Bäume entzog, konnte schwerlich jemand ahnen, wohin ihn und seine Nachfahren dieser Wechsel der Gangart führen sollte.

Manche mögen gar behaupten damals fing es an, das Anthropozän, die Herrschaft der Zweibeiner, Schritt für Schritt, im wahrsten Sinne des Wortes, wagten sich die Urältesten Vorfahren des Homo Sapiens aus dem Unterholz der Weltgeschichte - zuerst noch vor allem auf der Flucht. Viel spricht dafür, dass wir damals in großen Mengen als Katzenfutter gedient haben - doch spätestens mit der beginnenden Bändigung des Feuers wendete sich das Blatt und aus dem gejagten immer nackter werdende Affen wurde der vielleicht erfolgreichste Jäger der Naturgeschichte.

Dabei ist es erstaunlich, dass wir zunächst vor allem als Hetzjäger erfolgreich waren.
Unsere Fähigkeit zu schwitzen ermöglicht langes ausdauerndes Laufen auch bei großer Hitze, so wurden große Tiere wortwörtlich zu Tode gerannt, und dann, kurz vor dem Hitzekollaps, tat es ein gezielter Speerstoß – Noch bis in die siebziger Jahre jagten die San größtenteils auf diese Art und Weise. Wer sich in der Mittagspause die Horden von Joggern am Mainufer mal gönnt, möge sich dieses Bild vor Augen halten. Wir wurden als Läufer groß.

Daneben spielt wohl die Imitation von Tieren und deren typischer Bewegungen zur Kommunikation nach und während der Jagd eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Tanz und Ritual, auch von Rhythmus.

Es gäbe noch viele Interessante Details aus der Menschheitsgeschichte zu berichten – zweifellos – doch soll das hier nicht ausarten. Beziehungsweise, andersherum, diese Überlegungen sollen uns beim aus “arten„ hilfreich zur Seite stehen.

Denn wenn es bei der Winterwerft in aller rabiater Kürze darum gehen soll, wo wir gerade stehen, und was denn eigentlich unser Problem  - gerade, jetzt, als Menschheit - ist, und wir als einen großen Brocken des Problems unsere Tendenz ausgemacht haben wollen, wir nähmen uns als Menschen, in unserer Überlegenheit, unserer Isoliertheit und unserer Rolle als Herrscher auf und über die Erde bei weitem zu wichtig, so wollen wir als Strategie des Umgangs mit dieser Situation den Perspektivwechsel, die Horizonterweiterung  und -Verbreiterung vorschlagen und praktizieren: in Länge, Breite, Höhe – und Gangart. Viel spricht dafür, dass wir schlussendlich gar nicht einmal so weit von unseren nächsten Artverwandten entfernt sind – immer noch nicht.

Wir teilen sogar  mehr Erbgut mit Regenwurm und Eintagsfliege als uns vielleicht lieb ist. Und zum Thema Isoliertheit: allein die Anzahl für uns Überlebenswichtiger Mikroben und Bazillen, die unsere körpereigenen Systeme  am Laufen halten, gehen in die tausende. Allein wären wir nicht. Gar nicht.

Was also verleitet uns zu dieser brachialen Arroganz, mit der wir mehr und mehr Ökosysteme plündern und zerstören? Oder zu solcher Unsicherheit, dass wir das nicht verhindern?

Wir wollen uns mitnichten in die Reihen der Kulturpessimisten einreihen, wir wollen aber auch nicht vor unbequemen Fragen oder Positionen zurückschrecken. Allein in diesem Text wimmelt es von Verallgemeinerungen, die selbstverständlich gefährlich sind: da ist von „uns“ und „der Menschheit“ die Rede – dabei waren es keineswegs immer alle Menschen, die derartig frivol gegen jegliche Vernunft meinten vernünftig zu sein, und derart unempfänglich gegen jede Menschlichkeit meinten menschlich zu handeln. Es gab immer auch Ausnahmen von Völkern und Gruppen die es durchaus über längere Zeiträume vollbracht haben, mehr oder weniger nachhaltig, mehr oder weniger friedlich in Ihrer jeweiligen Umgebung zu existieren. Leider gibt es davon nicht mehr so viele…

Was also kann und darf und soll Kultur in diesem Moment? Ausdrücklich ohne den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben zu wollen, kann ich versuchen, unsere Ideen mit der Winterwerft noch einmal kurz zu umreißen: und da lautet die kürzeste Antwort – Fragen stellen.

Es ist sicherlich ein Festival, das weit mehr Fragen aufzuwerfen sucht, als wir Antworten zu finden in der Lage sein werden. Insbesondere vor einfachen, den vielgeliebten allzu einfachen Antworten wollen wir uns hüten.

Zuschauen, hin hören, analog  sein, hier sein, beisammen sein. Das ist zumindest Teil unseres Vorschlags für eine Antwort an die Rolle der Kultur. Lauschen, die Scheuklappen absetzen, auch das tollkühne Grinsen nicht verlernen. Sich erinnern.

Unsere Fähigkeit dazu, die Gangart zu wechseln sagt viel über unsere Fähigkeit zu Empathie. Ohne Behaupten zu wollen, wir seien jemals gänzlich in der Lage, ein anderes Wesen, ein Tier zum Beispiel, in der Gänze seines Tierseins zu verstehen, möchte ich doch wagen zu ahnen, dass wir zu tieferen Verbindungen fähig sind als Nahrung und Konsument   – und dies, dass lehrt das Erinnern, über viele Jahrtausende auch gelebt haben. Also, wagen die Gangart zu wechseln. Krabbeln, rollen, springen, kriechen – oder einfach mal sitzen bleiben. Die Blickweite wechseln, die Generationentiefe erspüren.

Wir sind zum Glück keine Partei und haben keine politische Agenda. Wir können – und müssen -uns Fehler erlauben und gewagte Thesen aufstellen und wieder verwerfen, und am Ende dürfen wir immer wieder künstlerische Freiheit vorschieben. Wir sind neugierig und besorgt - und tatsächlich, mit unseren Kindern im Rücken fragen wir uns, wie wir denen das ein oder andere mal erklären sollen…

Schon jetzt hat sich hier ein gutes Dutzend Helfer und Freunde aus aller Welt versammelt. Unsere Flügelspannweite reicht von Chile bis Malaysia. Leute die sich vor einer Woche noch nicht kannten, bauen zusammen Jurten auf, richten ein Theater her, arbeiten hart, machen Blödsinn.

Keine einfachen Antworten.

 

Julian Böhme ( protagon e.V.)

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